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 Waldemar Freiherr  von Wimpffen,unter dem Namen Leontij,  Erzbischof von Astrachan und Jenotajev, geboren  1872  in Moskau, erschossen am 23.Juni/6.Juli   1919 in Astrachan, Sohn von Leberecht Felix  von Wimpffen( geb.26.August 1844) und der  Ljubova Petrovna Vojkov.

Vladimirs
Urgroßvater,Georg von Wimpffen  heiratete die Tochter des berühmten deutsch-russischen Naturforschers und Astronomen, Peter SimonPallas ( 1741-1811) und nahm seinen Wohnsitz in Reval,später in Simferopol auf der Krim. Aufgrund dieser familiären Bindung ließ sich Vladimirs Vater um 1870 in Moskau nieder. 

Kurz nach der Geburt konvertierten Vater und Sohn zum russisch- orthodoxen Glauben; Waldemar erhielt den russisch klingenden Namen Vladimir Fjodorovitsch, Fjodorovitsch wohl deshalb, weil der Name "Leberecht" keine russische Entsprechung hatte.

Anfang 1890 trat Vladimir in das Pensenskij-Gymnasium ein; nach dem Abitur begann er sein theologisches Studium an der Theologischen Akademie in Kasan.Noch während seines Studium wurde er Novice,1898 erhielt er die Priesterweihe mit gleichzeitiger Ernennung zum Diakon. Als Mönch entschied er sich für den Namen Leontij. Im gleichen Jahr nahm er die russische Staatsbürgerschaft an.
1900 schloss er sein Studium an der Theologischen Hochschule ab. Er wurde nunmehr mit der Aufsicht des Priesterseminars Ufimskij betraut, doch bereits drei Jahre später,1903 entsandte ihn  seine Kirche nach Peking, um dort seine Tätigkeit als Missionar auszuüben.Dabei war wohl ausschlaggebend, dass eine nahe Verwandte, Pauline Gräfin von Wimpffen, die Frau des deutschen Militärattaches in Peking, Graf Montgelas ebenfalls in Peking wohnte und mit  dem jungen Theologen eine rege Korrespondenz geführt hat. (Schlossarchiv Kainberg)

Ein Jahr später, 1904 wurde er abberufen  und mit der Aufsicht des Priesterseminars in Volskij betraut; wenig später wurde er nach Kursk als Dozent im dortigen Priesterseminar berufen.1906 wurde er Abt des Klosters in Kursk und gleichzeitig Pfarrer der Kirche der griechischen Botschaft in Kursk.

Am 28.September  ernannte ihn der Moskauer Metropolit zum Bischof von Tscheboksarki  und Vikar des Kazaner  Kirchenbezirks.Wenig später wurde er in gleicher Funktion nach Georgien versetzt mit Sitz in Jerivan.Ab 12.Februar 1915 finden wir ihn als Vikar des Kirchenbezirks Orenburg mit Sitz in Kustany, unweit der Grenze zu Kasachstan, ab dem 16.Dezember 1916  ist er Vikar des Kirchenbezirks Saratov an der Volga.
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   Bischof Leontij von Wimpffen (1872 -1919)

Der atemberaubender schneller Aufstieg des Bischofs fand  am 5.Mai 1917 ein vorläufiges Ende: Die "Heilige Synode der Gesamtrussischen Kirche" ernennt ihn zum Bischof  des Klosters Pokrovo-Boldini in Astrachan.( Stadt an der Wolga gelegen, heute mit über 500.000  Einwohnern) Am 5.September überträgt ihm die Synode das Bischofsamt des gesamten Kirchenbezirks Astrachan.

Inmitten der revolutionären Unruhen und des beginneneden Bürgerkriegs versuch Bischof Leontij,  seinen Kirchenbezirk
aus allen Auseinandersetzungen herauszuhalten. Er kümmert sich um den Erhalt der Kirchen, der Priesterseminare, der Klöster.

Für Russland begann nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg eine neue Zeitepoche: Abdankung des Zaren, Februarrevolution,Oktoberrevolution, Bürgerkrieg, leninistisch-stalinistische Diktatur. Die neuen Herren verschonten auch die orthodoxe Kirche Russlands nicht  - der Vernichtungsfeldzug  gegen sie begann gleich nach der Machtübernahme der Bolschewiken.


Im Juni 1917 fand in Moskau eine  Zusammenkunft der Vertreter der Revolution und der Synode statt.Thema: "Demokratisierung" der kirchlichen Strukturen, Erneuerung der Liturgie,  Diskussion über die Einschränkung der Macht der Heiligen Synode, der Bischöfe und Erzbischöfe.
Die Bolschewiki beschlossen, die Familiengerichte der Kirche aufzulösen, die Eheschließung und Scheidung aus dem Bereich der Kirche zu nehmen, die Klosterschulen  in staalichen Besitz  zu überführen und dem Volkskommissariat für Bildung zu unterstellen.Die Religion wurde zur Privatsache erklärt.

Bischof Leontij erhielt den Auftrag,zunächst  in seinem Bistum zu bleiben und neben Astrachan auch die Betreuung des Kirchenbezirks Krasnopol zu übernehmen, dessen Erzischof, Mitrofan nach Moskau ging.

Auf dem "Kongress" wurde beschlossen, einen " Verband der Weltlichen und des Klerus" ins Leben zu rufen. Auch im Kirchenbezirk von Bischof Leontij musste ein "Verband  aller Religionsgemeinschaften" gebildet werden . Als  Erzbischof Mitrofan aus Moskau zurückkehrte, fanden in beiden Kirchenbezirken heftige Auseinandersetzungen zwischen den "revolutionären Kräften" und der Kirche statt. Erzbischof Mitrofan sprach sich gegen  den neugebildeten Verband aus, da er, zu recht befürchtete, Einfluß und Macht der orthodoxen Kirche in Russland einzubüßen. Bischof Leontij widersprach ihm; er befürwortete ein behutsames Herangehen an die Reform der Kirchenstrukturen, er sprach sich für ein geregeltes Miteinander mit den neuen Machthabern aus, zumal sowohl die 17-er Revolutionäre als auch die neugebildeten Sowjets eine strikte Trennung von Krche und Staat in ihr Programm aufgenommen hatten.

Die Auseinandersetzungen zwischen Erzbischof  Mitrofan und Bischof  Leontij nahmen an Schärfe zu; Mitrofan lehnte zunehmend jede Mitsprache der "Weltlichen" in Kirchenangelegenheiten ab. Die Machtübernahme Lenins, die Oktoberrevolution führten zu einer Radikalisierung der Auseiandersetzung zwischen den beiden Würdenträgern: beide hatten ihre Anhänger, die  zunnehmend unversöhnlich die Auseinandersetzung führten. Leontij beharrte auf ein geregeltes Miteinander mit den Sowjets, er wollte auf die neuen Machthaber zugehen, den "Weltlichen" gewisse Rechte einräumen, letztlich die Trennung von Kirche und Staat, wenn auch nicht befürworten, so zumindest der "neuen Zeit" Rechnung tragend, dulden.

Doch Bischof Leontij wurde von den "Weltlichen"  im Verband des Astrachaner Kirchenbezirks "links überholt", denn einer der Wortführer des Verbands, Sorokin erklärte am 5.November 1918  die Arbei des Verbandes als gescheitert und befürwortete die Übertragung aller religiösen Fragen in Russland einem "höheren Organ".

Erzbischof Mitrofan wusste die Unterstützung des Moskauer Patriarchen Tichon hinter sich, denn er erklärte in einem Hirtenbrief, jegliche Mitarbeit in den "Verbänden" sei abzulehnen; sollten Aktivitäten erfolgen,die gegen die Kirche und deren Rechte gerichtet sind, würden die Betroffenen exkommuniziert.

Das Dekret der Sowjetmacht über die Trennung von Kirche und Staat mußte jedoch in den Kirchen verlesen werden - Erzbischof Mitrofan  sprach sich auch  dagegen aus, Bischof Leontij war dafür. Damit verschärfte sich die Auseinandersetzung zwischen den beiden Kirchenoberen. Die Sowjets haben Leontij seine liberale Einstellung freilich nicht gedankt, am Ende der Auseinandersetzungen mussten beide sterben, Erzbischof Mitrofan Krasnopolskij und Bischof Leontij von Wimpffen.

Der Erzbischof hat die Einstellung seines Weihbischofs nicht nur nicht gebilligt, er hat ihn beim Moskauer Patriarchat der Eigenmächtigkeit, des Machtmißbrauchs angeklagt.

Leontij  von Wimpffen wurde nach Moskau zitiert. Doch der Astrachaner Sowjet lehnte die Reise ab, Leontij musste in Astrachan bleiben. Es kam unerwarteterweise zu einem Bündnis zwischen den Bolschewiki und dem "Kirchenvolk". Aber nun begann eine mediale Treibjagd gegen den Erzbischof Mitrofan;  in der örtlichen Presse wurde er zum Parteigänger der "Volksverdummer" und Reaktionäre erklärt. Er sei ein Monarchist, eine Art Rasputin. Dagegen sei Bischof Leontij ein "wahrer Freund des Volkes."

Leontij musste befürchten, zwischen den Fronten zu landen Er wandte  sich ebenfalls in einem Hirtenbrief und einem offenen Brief in der Presse an die "Gläubigen von Astrachan". Er schrieb:

" Ich habe eine  Einladung des Patriarchen bekommen,nach Moskau  zu kommen, offensichtlich um meine sofortige Entlassung aus dem Bischofsamt engegenzunehmen. In der Zwischenzeit habe ich zahlreiche Solidaritätsbekundungen sowohl in unseren Kirchen als auch in der Öffentlichkeit erhalten, nachdem bekannt geworden ist, dass die Entgegennahme eines diesbezüglichen Entschlusses der Synode meine Entfernung aus unserer Kirche und meine Exkommunikation zur Folge gehabt hätte. Ich möchte mit Nachdruck alle bitten, Ruhe zu bewahren, denn, sollte die Kirchenleitung meine Entfernung aus dem Bischofsamt beschließen, werde ich mich dieser Entscheidung unbedingt unterwerfen. Ich bitte alle,diese meine Bitte zu akzeptieren und Ruhe zu bewahren".

Am 20.Oktober haben die Anhänger des Bischofs eine Versammlung im Kloster "Johannes der Täufer" einberufen, um über die mögliche Abberufung des Bischofs zu beraten. Als Ergebnis wurde ein Telegramm an den Moskauer Patriarchen Tichon verfasst:
"Wie wir erfahren haben,wurde unser hochverehrter Bischof, Eminenz Leontij  nach Moskau eingeladen, um über die Beschwerde des Erzbischofs Mitrofan hinsichtlich der Person des Bischofs Leontij  zu beraten. Daraufhin wurde, wie wir erfahren haben, Bischof Leontij seines Amtes enthoben, da er der Einladung nach Moskau nicht  Folge geleistet hat. Das  gläubige Volk von Astrachan lehnt die Reise unseres  hochverehrten Oberhirten ab, da es sich bei den Anschuldigungen offensichtlich um Verleumdungen handelt.  Wir sind über die Unschuld des Bischofs Leontij überzeugt. Aus diesem Grund fordern wir, dass die Anschuldigungen des Erzbischofs Mitrofan bei uns in Astrachan verhandelt und geklärt werden.Es muss eine Untersuchungskommission gebildet werden, in die die Synode Vertreter ernennen soll, die wir dann durch unsere Wahl bestätigen werden.Wir garantieren, dass nach Abschluss der Untersuchung durch diese Kommission wir uns bei den örtlichen Behörden dafür einsetzen werden, dass Eminenz Leontij eine Reisegenehmigung nach Moskau bekommt, eine Genehmigung, die bereits zweimal von den Behörden abgelehnt wurde."

Das "Kirchenvolk" beließ es nicht bei diesem Telegramm; die Versammlung beschloss die Entsendung einer Delegation nach Moskau, um die Bitte der Versammlung, die Untersuchung der Vorwürfe in Astrachan durchzuführen, mit dem Patriarchen Tichon  zu erörtern.  Bereits Ende Oktober fuhren die vier Delegierten, Rusakow, Katkov, Raskov und Kudrjacev nach Moskau.Sie erreichten, das die Entlassung aus dem Bischofsamt und die Exkommunikation von Bischof Leontij von Wimpffen vom Patriarchen zurückgenommen wurde; auch das Amt des Abtes des Klosters "Johannes der Täufer" wurde ihm belassen.

Während dieser Streitigkeiten in Fragen des Glaubens und der kirchlichen  Hierarchie errangen die Bolschwewiki die Macht in weiten Teilen Russland,  es kam zum Bürgerkrieg, zur Bildung der Roten Armee, der Weissen Armee,  der Weißen Garden. Eine bis dahin unbekannte Grausamkeit der Kriegführung gewann die Oberhand: Massaker, Pogrome an Juden,Hinrichtungen von   Bauern,Klerikern,Grundbesitzern, Aristokraten,Brandschatzung gehörten zum Alltag. Generäle und andere "Heerführer" auf beiden Seiten gelangten zur traurigen Berühmtheit, vor allem wegen ihrer berüchtigten Grausamkeit: Judenitsch, Denikin, Kornilov,Koltschak,Ungern von Sternberg auf der einen, Stalin, Budjonnij , Atarbekov,Trotzkij,Sverdlov ,Kirov ,Uritzkij und andere Bolschewiki auf der anderen Seite. Besonders hervorgetan hat sich die Tscheka des berüchtigt-grausamen Feliks Edmundovitsch Dzerzinskij, die auf den von den Roten besetzten Gebieten zum Herr von Leben und Tod avancierte.Diese Handlanger des Roten Terrors mordeten unter dem Kommando von Feliks Edmundowitsch Dzerzinskij  nach Belieben; ihr bloßes Erscheinen erzeugte  Angst und Schrecken. Dieser"Geheimdienst" tat sich besonders beim  Aufspüren von "gegenrevolutionären Kräften" hervor, wobei es ihr überlassen wurde, wer Konterrevolutionär sei. Ihr war selbstverständlich bekannt, dass der Bischof Leontij von Wimpffen ein naher Verwandter, ein  Neffe des berühmten weißen Generals, Roman Ungern von Sternberg war.Wahrscheinlich war diese Verwandschaft eine der Gründe,den Bischof zum Tode zu verurteilen.


Roman von Ungern-Sternberg stammte, wie Bischof Leontij ebenfalls  aus einer deutsch-baltischen Familie; seine Mutter hieß Sophie Charlotte von Wimpffen,( geboren am 25.Juli 1861 in Stuttgart- gestorben am 4.November 1907 in Tallin,Kalamaja kalmistu, Harjumaa ,Estland); deren Vater hieß Guillaume de Wimpffen aus der Linie der französischen Wimpffen, ihre Mutter Amalie Auguste de Roux- Damiani.


Sophie Charlotte von Wimpffen heiratete am 13.September 1880 Theodor von Ungern-Sternberg in Wimpfen am Neckar: aus der Ehe stammten 4 Kinder:Florence Natalie,Robert Nikolai,Konstanze Sophie,Konstantin Robert und Maxilian Robert.Der am 29 Dezember 1885 in Graz geborene  Robert Nikolai war der spätere General der Weissen Armee in Russland.


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General Nikolaj Roman Ungern von Sternberg (1886 - 1921)

In Reval , in diesem Zentrum der  deutschbaltischen Familien traf  Ungern-Sternberg auch Waldemars Eltern, selbstverständlich auch den  späteren Bischof Leontij , als dieser schon in Astrachan lebte.Und es war selbstverständnlich, dass Ungern-Sternberg (in Russland änderte er seinen Namen auf Ungern von Sternberg) , der im Süden des Zarenreichs gegen die Rote Armee kämpfte,  im losen Kontakt  zu seinem Neffen stand.

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Heiratsurkunde von Theodor von Ungern-Sternberg und der Charlotte von Wimpffen
Ausgestellt v.Pfarrer Wilhelm Scriba
Archiv der Ev.Kirche Wimpfen am Neckar

Am 30. August wurde gegen Lenin ein Attentat verübt, von einer Frau namens Fanja Kaplan - der Rote Terror wurde verkündet, dem bis Jahresende  über 15.000 Menschen zum Opfer fielen. Die Kirchenoberen des Patriarchats haben in ihren Streitigkeiten die drohende, tödlich Gefahr nicht erkannt oder einfach ignoriert  - man diskutierte  munter weiter über die Notwendigkeit von Reformen, über die Frage, wie  mit den neuen Machthabern umzugehen sei. Diese begannen in zunehmendem Maß die Kirchen zu plündern, sie zu schließen, geweihte Gegenstände auf die Strasse zu werfen, Ikonostasen zu vernichten, Priester und Nonnen zu Volksfeinden zu erklären. Wenige Jahre später, 1922 wurde der gesamte Kirchenbesitz konfisziert,Glocken  eingeschmolzen, zahlreiche Kirchen zerstört.Im März wies Lenin die Tscheka an, die  lokale Geistlichkeit zu verhaften und zu erschießen. Noch war es aber nicht so weit

Am 22.November wurde ein Dekret der Bolschweiki veröffentlicht, das das  gesamte Rechtssytem Russlands außer Kraft gesetzt hat.  Die Tscheka erhielt unumschränkte Vollmacht, den Roten Terror in die Tat  umzusetzen.  Eine bis dahin unvorstellbare Jagd begann auf  alle, die der Gegnerschaft auch nur  verdächtigt wurden.

Anfang 1919 erlitt die Rote Armee im Nord-Kaukasus eine schwere Niederlage; die Weissen begannen ihren Vormarsch auf Moskau, sie trieben das XI.Armeekorps  vor sich her. Der Rückzug des Armeekorps führte über Astrachan; verwundete Rotarmisten wurden in der Stadt  zurückgelassen. Auch Verwundete der Weißen wurden in Astrachan einquartiert.
In dieser Situation rief Bischof Leontij von Wimpffen eine Versammlung des "Verbandes aller Religionsgemeinschaften"(darunter auch moslemische Geistliche)  - heute würde man von einer ökumenischen  Vereinigung sprechen  -   ein. Die Versammlung beschloss, einen Aufruf zu erlassen, wonach alle verwundeten und kranken  Soldaten, unabhängig davon, ob sie der Roten Armee oder der" alten russischen Armee" angehören, zu versorgen, ihnen jede Art von Hilfe zukommenzu lassen.
(vgl. zum Thema: Mit der Roten Armee durch Russisch-Zentralasien von Rudolf Köstenberger,Graz 1925. Ein Erlebnisbericht)

Der geistige Vater dieses Aufrufs war der Bischof. Die sowjetische Presse veröffentlichte den Aufruf  - das Ergebnis war
eine einsetzende Hasstirade gegen den Bischof und den Verband. Der Vertreter des örtlichen Sowjets erhob  scharfen Protest, verbunden mit der Behauptung, der Aufruf sei geeignet, die  Sowjetmacht zu untergraben. Die Angelegeinheit landete schließlich beim Chef des örtlichen Parteirats  und Vorsitzenden der "Militärkommission",Georgij Alexandrowitsch Atarbjekov.
Der gebürtiger Armenier genoss  bereits in dieser Zeit den  Ruf eines grausamen Tschekisten, der ohne Gnade jeden hinrichten ließ, der nur den Anschein eines Widerstandes gegen die Bolschewiken erweckte. Bereits 1917 begann er an der Spitze der Tscheka-Mordkommandos seinen Kampf gegen jegliche Art von Opposition in Alexandropol und Suchumi, später leitete er die Massaker  in Kuban und Baku.

Atarbjekov berichtete Sergej Mironovitsch Kirov, dem Präsidenten des Revolutionären Rates der Bolschewiki über die Vorgänge in Astrachan. Kirov sagte nur: "Handeln Sie".

Am 25.Mai 1919 ließ Atarbjekov den Bischof Leontij nachts  im Kloster Ivanov verhaften.Am gleichen Tag wurde  auch  Erzbischof Mitrofan  in Krasnopol verhaftet. 
Die Anklage wurde gleich mitgeliefert:Verschwörung gegen Angehörig der Roten Armee in Zusammenarbeit mit den Weißgardisten. Die verletzten Soldaten der Roten Armee sollten laut Anklage mit Zyankali vergiftet werden, wobei im Mittelpunkt der Verschwörung die beiden Oberhirten gestanden haben sollen.

Am  6.Juli 1919 berief Kirov eine Versammlung der Arbeiter, Bauern  und Vertreter der neugegründeten Gewerkschaft ein.Nach der Rede von Kirov ergriff Atarbjekov das Wort:
"Als am 10.März 1919 die Weißgardisten mit  starken Kräften zum Angriff übergingen, hieß es, keine Gefangene, schlägt sie alle tot, vor allem die Kommissare.Bei einem Gefangenen Weissgardisten fanden wir ein Dokument, aus dem hervorging, dass sich  in Astrachan  eine gut getarnte, im Untergrund arbeitende Verschwörergruppe befindet. Darunter sind Weißgardisten,Priester, Kaufleute und Großgrundbesitzer. Unsere Tschekisten schlugen in der Nacht v.1.zum 2. Juli zu und verhafteten 61 Verschwörer. 15% der Verschwörer sind ehemalige Offiziere der zaristischen Armee. Unter den Verhafteten befinden sich zwei  ihrer Oberhirten: Erzbischof Mitrofan und Bischof Leontij."
Das weitere Schicksal es Bischofs kann an Hand der Aufzeichnungen einer Augenzeugin, der Nina Dimitrijevna Kuznezova, einer geborenen Lapustina  dargestellt werden.
"Frau Kuznezova wohnte mit ihrer Familie  in Krius.Ihre Mutter, Taisija Mihajlovna Lapustina war eine strengläubige Christin, die häufig im Kloster Ivanov betete und stundenlang vor dem dort befindlichen berühmten Kruzifix kniete.Sie nahm häufig die damals zehn Jahre alte Tochter Nina mit. Taisija  Mihajlovna verehrte den Bischof, sie hielt ihn für einen heiligen Mann, der nach den abendlichen Messen in die Stadt ging, um Kranke und Arme zu besuchen und  zu segnen. Er brachte den Menschen häufig etwas zu essen, in einer Zeit, in der an Lebensmitteln sehr großer Mangel herrschte.

Im Kloster lebten neben dem Bischof vier weitere Mönche und ein altes Ehepaar, das den Haushalt führte.
Frau Lapustina schickte immer wieder durch ihre Tochter Nina ein Fladenbrot ins Kloster, das das Mädchen dem Klosterbruder Mchail überreichte. Als dann eines Tages Frau Lapustina fragen ließ, ob das Fladenbrot vom Vortag nicht zu salzig gewesen sei, kam heraus, dass der Diener Michail das Fladenbrot selbst gegessen hat. Der Bischof habe nur gemeint;"er leidet an Hunger, er ist ein armer Mensch, das ist schon in Ordnung".
Eines Tages kam der eine Mönch zum Bischof und sagte;" Herr Bischof, euer Hund Kazbek muss erschossen werden" Als der  Bischof fragte, warum der Hund, ein kaukasischher Hirtenhund (kavkazkaja  owtscharka) erschossen werden soll, antwortete der Mönch;"Kazbek gräbt unter euerem Fenster fortwährend eine  Grube". Lass' ihn graben, ich weiß, er gräbt mein Grab". soll der Bischof gesagt haben.Nach der Verhaftung des Bischofs wurde "Kazbek" von den Roten erschossen".
 
Die Verhöre des Bischofs fanden im Tscheka-Gebäude in Astrachan statt.

Über die Verhöre der "monarchistischen Verschwörer" sind zwei Protokolle erhalten geblieben.In Kenntnis der Geschichte der Tscheka kann man sich vorstellen, welche Methoden angewandt wurden, um die gewünschten Aussagen zu bekommen. Wie in allen späteren Schauprozessen üblich, wurde auch hier ein  "Kronzeuge" präsentiert: Zinovij Altabajev, ein Tscheka-Agent aus der Umgebung von Bischof Leontij. Dieser bezeichnete den Bischof als einen entschiedenen Gegner der Sowjetmacht, der häufig Weißgardisten und Fischgroßhändler(!) zu sich eingeladen habe, um mit deren Hilfe die Bolschewiki zu umbringen. Die Fischgroßhändler hätten unter der Obhut des Bischofs große Mengen von Wertsachen im Kloster Ivanov versteckt; aktive Hilfe habe der Dr. I.A.Ellinskij geleistet, der ebenfall im Kloster wohne. Um welche Fischhändler es sich gehandlt hat, konnte Altabajev nicht nennen.

Der ebenfalls verhaftete Dr. Ellinskij sage bei seinem Verhör, er habe seinen Sohn Peter im Januar auf dem Gebiet des Kloster beerdigt; nach der Beerdigung habe er den Bischof gebeten, im Kloster bleiben zu dürfen, in der Nähe seines verstorbenen Sohnes.Nach 40 Tagen habe er das Kloster aber  verlassen.Irgendwann sei  auch ein Kaufmann,namens Svirilin aus Astrachan ins Kloster gekommen, ausserdem  kamen immer wieder Menschen , um mit dem Bischof zu reden.Worüber diese  Leute geredet haben, wisse er nicht.

Wie aus dem Verhörprotokoll hervorgeht, bezeichnete der Bischof alle Beschuldigungen aus der Luft gegriffen; er sei dafür bekannt, schon während der Februarrevolution für ein Arrangement mit der neuen Macht  eingetreten zu sein. Leute, die ihn im Kloster besucht haben, seien Gläubige gewesen, der Verdacht einer Verschwörung gegen die Sowjetmacht sei absurd.
Der Tscheka-Chef Atarbjekov fand das Protokoll  nichtssagend; er übernahm nun höchstpersönlich das Verhör des Bischofs. Dieses zweite Protokoll erbrachte nun das gewünschte Ergebnis  - welche Foltermethoden der Bischof erleiden musste, kann man sich gut vorstellen. Nach Tagen war die Aussage fertig: er,Leontij gebe zu, an einer Verschwörung teilgenommen zu haben, Erzbischof Mitrofan sei der Kopf der Verschwörung,dieser sei ein Reaktionär, der nicht aufgehört habe, gegen die Sowjetmacht zu agieren.
Nach einem Monat Aufenthalt in der Folterkammer der Tschekisten wurde der vom Moskauer Patriarchen zum Erzbischof ernannte Leontij Vladimir Fjodorovitsch Baron  von Wimpffen von einem "Revolutionstribunal" der Bolschewiki zum Tod durch Erschießen verurteilt.
Wie schrieb der litauische Tschekist, Martin Lacis: "Wenn wir einen Feind der Sowjetmacht verhören,suchen wir nicht nach konkretenTatbeständen, sondern wir fragen: welcher Gesellschaftsschicht gehört der Mann an, wie ist er erzogen worden,welche schulische Ausbildung hat er,wer sind die Eltern, die Vorfahren,welchen Beruf übt er aus.Diese Fragen spielen die Hauptrolle bei einer Verurteilung des Feindes.Das ist der Sinn des Roten Terrors. Wir brauchen bei der Aburteilung keine juristischen Gründe, wir  müssen diese Elemente ohne viel Federlesens  vernichten. Die Tscheka ist keine Guillotine,die in Gang gesetzt wird auf Grund irgendwelchen juristischen Urteile.Und so haben wir in der Zeit von 1918 bis 1920  21.000 Schädlinge vernichtet."

Am  6.Juli 1919 wurde Bischo Leontij  zur Hinrichtungsstätte geführt; begleitet hat ihn nur sein Diener, Michail. Zur gleichen Zeit wurde auch Erzbischof Mitrofan zur Hinrichtungsstelle gebracht. Nach  Erzählung des Dieners Michail  umarmten sich die beiden Kirchenoberen, sie haben sich gegenseitig entschuldigt für ihre Kontroversen und verrichteten knieend ein gemeinsames Gebet. Erzbischof Mitrofan wurde als erster erschossen,Bischof Leontij wurde gezwungen,mit anzusehen, wie sein Bischofskollege hingerichtet wurde.
Als Bischof Leontij an die Wand gestellt wurde,schaute er zum Himmel und  rief:" Schau,Michail, sehe unseren Herrn, den Allmächti..."

Das letzte Wort ging unter in der Salve des Hinrichtungspeletons der Tscheka.  Die beiden toten Erzbischöfe wurden von einem herbeigerufenen Taxifahrer mitgenommen und ohne Sarg an einem geheimen Ort in eine Grube geworfen und verscharrt. Das Anbringen eines Holzkreuzes wurde verboten.

In der Zeit von 1919 bis 1923 wurden über 12.000 orthodoxe Geistliche hingerichtet.

Georgij Alexandrovitsch Atarbjekov, "Stalins liebster Killer im Kaukasus"  ging von einem Massaker zum  anderen:nach Alexandropol und Suchumi ging er nach Pjatigorsk,wo er eigenhändig über 100 Gefangene der Weissen mit dem Schwert hingerichtet hat.  In Armavir hat seine Truppe unter seiner Leitung mehrere Tausend geflüchtete Armenier massakriert.1924  kamen  Oppositionelle in Georgien an die Reihe. Bevor er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, erschoß er persönlich seinen Sekretär in dessen Büro.. 

Der andere "Ankläger" der beiden Oberhirten, Sergej  Mironovitsch  Kirov, ein Stalinist der ersten Stunde wurde nach einer steilen Parteikarriere 1934 von einem Attentäter erschossen.
Nina Dimitrijewna Kuznezova überlebte den Roten Terror. Sie erzählte ihr Leben in der Sowjetunion der Jekaterina Uvarova, der Organistin der Kirche Peter und Paul in Astrachan.

Wenige Wochen nach der Erschießung der beiden Oberhirten erkrankte Nina Dimitrijewna schwer. Ihr Mutter hat sie bereits aufgegeben, da das Mädchen keine Nahrung zu sich nahm.Man rechnete mit ihrem baldigen Ableben.
Auf Vorschlags eines Bekannten trug man das völlig erschöpfte und abgemagerte Mädchen zum Grab des Bischofs Leontij und legte es aufs Grab. Während der Messe, die ein Mönch  am Grab des Bischofs las, blieb das Mädchen Nina auf dem Grab liegen und sie schlief ein. Die Mutter weinte bitterlich, weil sie davon ausging, ihre Tochter sei gestorben. Doch als die Messe endete, stand das Mädchen auf  und bat, nach Hause gehen zu dürfen. Die Messebesucher sprachen von einem Wunder am Grab der beiden Bischöfe.
In den folgenden Jahren pilgerten immer wieder viele Menschen zum Grab in der Nähe des Boldanski-Klosters. Die Kinder der Frau Lapustina  - Nina und Benjamin - haben sich um die Pflege des Grabes gekümmert. Besonders der Sohn Benjamin tat sich bei dieser Tätigkeit hervor. Anfang der zwanziger Jahre wurde auch der letzte Mönch aus dem Kloster vertrieben, die Sowjets richteten im Kloster ein Straflager für jugendliche Kriminelle ein. Diese verspotteten und verprügelten den jungen Benjamin,der durch Ziegelsteine. die Umrisse des Grabes markierte. Doch die Kriminellenzerstörten auch diese Markierung.Benjamin sammelte die zerstreuten Steine wieder ein und vergrub sie am Grab.Er legte immer wieder Blumen aufs Grab, und die Menschen wußten, wo sie sich zum gemeinsamen Gebet versammeln konnten.
Als der "Große Vaterländische Krieg" ausbrach, wurde  Benjamin eingezogen; er fiel in der Schlacht von Stalingrad.

Seine Schwester,Nina Dimitrijevna heiratete ein Soldaten, der im Fernen Osten stationiert war; Ende der vierziger Jahre kehrte das Ehepaar zurück nach Astrachan und versuchte das Grab zu finden, vergeblich.Das Gelände wurde eingeebnet, die Spuren des Grabes beseitigt.
So weit die Erinnerungen der Nina Dimitrijevna Kuznecova.

In der Zeit der Perestroika fand unter der Leitung der Orthodoxen Kirche Astrachans eine Suchaktion statt, man lokalisierte die vermutete Stelle in der Nähe des Boldanski-Klosters. Heute finden regelmäßig Feldmessen statt am vermuteten Grab der beiden Bischöfe und an der Hinrichtungsstätte.
Auf Vorschlag der Gläubigen des Kirchenbezirks Astrachan wurde  ein Heiligsprechungsverfahren eingeleitet. Die Angelegenheit wird zur Zeit (2011) in der Heiligen Synode in Moskau behandelt.
Bischof Leontijs Namenstag ist der 10.Juni. Die russisch-orthodoxe Kirche führt ihn als Neo-Märtyrer.
Im russischsprachigen Internet sind zahlriche Artikel über den Bischof erschienen.(www.yandex.ru) und in.wikipedia.org/wiki/leontius

Der Ökumenische Kalender führt ihn unter "Heiligen", zusamme mit den Priestern Nikolaus,Basilius und Paulus(alle ermordet 1918), dem Metropoliten von Moskau,Makarius( + 1926) und Timotheus (+1940)

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Die russische Historikerin , Ludmilla Georgievna Buhtorajova (Ez az e-mail-cím a szpemrobotok elleni védelem alatt áll. Megtekintéséhez engedélyeznie kell a JavaScript használatát.) aus Astrachan hat ein umfangreiches Buch über das Kloster Johannes der Täufer  unter dem Titel " Der lange Weg durch drei Jahrhunderte"veröffentlicht. Sie hat  die ruhmreiiche Geschichte des Klosters dargestellt und hierbei einen breiten Raum dem Bischof Leontij von Wimpffen gewidmet.  Das Kloster hat mittlerweile eine eigene Homepage. (www.ioanno.ru)
(Wenn Sie den Wiederaufbau des Klosters, das Wiederbeleben des religiösen Lebens in Russland unterstützen möchten,der Abt des Kloster  IoannPredtetschenskij hat bei der  Sberbank Russlands,Filiale Astrachan ein Spendenkonto eröffnet:Die Bankdaten: BIC:041203602, Kontonummer: 301 018 1050 0000000 602. Sie bekommen einen Nachweis, für welche Zwecke die Spende verwendet wurde)
L.G. Buchtojarovabescheibt in ihrem Buch Details der Verhaftung und Hinrichtung der beiden Kirchenmänner, Mitrofan und Leontij:
Um 3 Uhr in der Nacht vom 22./23.Juni  erschien der Tscheka Komandant Wolkow im Zimmer, in welchem sich die beiden Bischöfe nach ihrer Einlieferung in das Tscheka-Hauptquartier,in der Villa des Kaufmanns Stepanov aufgehalten haben. Nach dem Augenzeugenbericht des Mitgefangenen Terechov geschah folgendes:Der Tscheka-Mann trat an das Feldbett des Erzbischof  heran und schrie: Aufstehen! Der Erzbischof zoge seine Kutte an und wollte sich weiter anziehen, da trat der Tscheka-Mann an ihn heran, packte ihn am Kragen und zerrte ihn, den nur halb angezogenen Erzbischof aus dem Zimmer und stieß ihn hinaus in den Hof.Der Erzbischof, barfüßig stolperte und fiel hin.Wolkow hob ihn hoch und stieß ihn in Richtung einer Ecke des Hofs.Anschließend wurde auch Bischof Leontij in den Hof gestoßen und ebenfalls ihn die Ecke geführt, wo sich der Erzbischof Mitrofan befand.Dem Bischof wurde nicht gestattet, seine Kutte zu überstreifen, auch er stand halb nackt in der Ecke des Hofs. Wolkow und die beiden Tscheka-Kommissare Doktuschow und Atarbjekow gaben den Soldaten den Befehl, die beiden Kirchenmänner zu erschießen.Doch die Soldaten weigerten sich, den Befehl auszuführen, nachdem Mitrofan sie, im Angesicht des Todes gesegnet hatte. Daraufhin trat Atarbjekov an einen der Befehlsverweigerer und erschoß ihn aus nächster Nähe mit einem Revolver.
Bischof Leontij und Erzbischof Mitrofan haben auf dem Boden knieend sich umarmt,sie wurden durch eine Salve des Hinrichtungspeletons erschossen".
Am nächsrten Tag erschien in der Astrachaner Zeitung die Nachricht über die Hinrichtung der beiden Bischöfe.Sie gehörten zu den 61  Bischöfen, die seit dem Beginn des Roten Terrors hingerichtet wurden.

Die Mutter von Bischof Leontij wurde von einem Trupp Bolschewiken ermordet.Der Vater entkam den Mördern und auf abenteuerlichen Wegen ging er in die USA. Er starb  am  17.November 1921 in Arlington, Virginia. Er wurde auf dem Friedhof in Arlington Abbey Mausoleum beerdigt.

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                                         Ikone des Bischofs Leontij von Wimpffen

                             














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